- 18.06.2026
Hochbegabte sprechen sich für humanistisches Förderwerk aus - Studie belegt starke Präferenz für wissenschaftsorientierte und säkulare Positionen
Im Unterschied zu den religiösen Förderwerken wird das humanistische »Bertha von Suttner Studienwerk« (BvS) bislang nicht staatlich gefördert, weil es hierfür angeblich »keinen Bedarf« gebe. Dies sehen die eigentlichen Adressaten solcher Studienwerke, nämlich hochbegabte Menschen, offenbar anders, wie eine aktuelle Studie zeigt, deren Ergebnisse vorab von der »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid) veröffentlicht wurden.
Die von der Giordano Bruno Stiftung in Kooperation mit »Mensa in Deutschland« durchgeführte Studie belegt, dass sich Hochbegabte mit großer Mehrheit für ein humanistisch orientiertes Begabtenförderwerk aussprechen. So votieren 78 Prozent der 292 befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der »Mensa Weltanschauungsstudie« für die Einrichtung eines Förderwerks, das Personen mit einem humanistischen und wissenschaftlichen Weltbild unterstützt. Nur 8 Prozent lehnen dies ab, 14 Prozent zeigen sich unentschieden.
Noch höher ist die Zustimmung zur Gleichbehandlung eines solchen Studienwerks mit den bestehenden religiösen Förderwerken: 83 Prozent sprechen sich dafür aus, 11% sind unentschlossen und nur 6 Prozent sind dagegen.
Relevante Gruppe für die Begabtenförderung
Wie der empirische Sozialwissenschaftler Tobias Wolfram in seinem ersten fowid-Artikel zu den Studienergebnissen betont, ist die Stichprobe zwar nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, jedoch besonders aussagekräftig für die Begabtenförderung, da sie gezielt hochbegabte Personen erfasst.
»Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten mehrheitlich konfessionslos sind und sich deutlich stärker an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren als die Gesamtbevölkerung«, erklärt Wolfram. »Zugleich wird deutlich, dass diese wissenschaftliche Orientierung häufig mit einer klaren humanistischen Wertebasis verbunden ist, insbesondere in Bezug auf Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung.«
Weltanschauliche Orientierung von Hochbegabten
Besonders markant ist die Differenz im Hinblick auf naturalistische und theistische Weltbilder. Eine große Mehrheit der Befragten stimmt der Auffassung zu, dass es keine übernatürlichen Wesen gibt, die in Naturgesetze eingreifen. Entsprechend gering ist der Glaube an Wunder.
Kennzeichnend für die untersuchte Gruppe ist eine ausgeprägte Wissenschaftsorientierung: 92,8 Prozent beziehen sich positiv auf die Evolutionstheorie und 88,6 Prozent lehnen die biblische Schöpfungslehre ab. Ebenso befürworten 79,3 Prozent wissenschaftliche Lösungsansätze für die großen Herausforderungen der Menschheit, während religiös spirituelle überwiegend zurückgewiesen werden.
Gleichzeitig zeigt sich, dass diese Orientierung mit einer starken humanistischen Wertebindung einhergeht: 95,5 Prozent der Befragten vertreten humanistische Grundüberzeugungen im Sinne der UN Menschenrechtserklärung. Wie umfassend der zugrundeliegende Humanismus-Begriff ist, zeigt sich darin, dass er nicht in Abgrenzung zur nicht‑menschlichen Natur gedacht wird, sondern alle Lebewesen in eine Haltung von Achtung und Verantwortung einbezieht. So meinen 84,4 Prozent der Befragten, »dass alle Lebewesen Achtung verdienen«.
Weiterentwicklungsbedarf in der Begabtenförderung
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse erscheint die derzeitige Struktur der staatlichen Begabtenförderung fragwürdig. Neben parteinahen und religiösen Förderwerken existiert bislang kein ihnen gleichgestelltes humanistisches Studienwerk.
Der Vorsitzende der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt Salomon, sieht darin einen deutlichen Widerspruch zu den Interessen vieler Hochbegabter: »Nur ein kleiner Teil der Befragten identifiziert sich mit Religionen oder Parteien. Die Ergebnisse zeigen, dass die bestehenden Strukturen der Begabtenförderung die weltanschauliche Realität dieser Gruppe nicht angemessen widerspiegeln.«
Zugleich verdeutlichen die Daten, dass ein Förderwerk, das sich an wissenschaftlicher Rationalität und humanistischen Werten orientiert, auf breite Zustimmung stößt. Die Ergebnisse der Mensa-Weltanschauungsstudie »sind ein weiterer guter Beleg für die Berechtigung der Gleichstellungsklage des Bertha von Suttner-Studienwerks«, ergänzt Schmidt Salomon.
Gemeinsames Anliegen eines pluralen Humanismus
Der Humanistische Verband Deutschlands, Mitinitiator des Bertha von Suttner Studienwerks, hebt hervor, dass die Daten die gesellschaftliche Relevanz humanistischer Orientierungen unterstreichen: »Die Studie zeigt, dass sich viele Hochbegabte an humanistischen Werten wie Selbstbestimmung, Verantwortung und Solidarität orientieren. Für uns ist das ein wichtiger Impuls, diesen Humanismus nicht nur als Weltanschauung zu reflektieren, sondern ihn auch in Bildung, Förderung und gesellschaftlichem Engagement praktisch zur Entfaltung zu bringen«, betont Katrin Raczynski, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbandes.
Damit wird ein Verständnis von Humanismus sichtbar, das wissenschaftliche Orientierung mit ethischer Praxis verbindet.
